The Abbess Garden von MD Studio ist gerade mit Rückendeckung von Publisher indie.io erschienen. Mit seiner präzisen Einordnung des Settings in das Jahr 1643 und jede Mengen Lehren über Botanik darf es als eindeutiger Vertreter der Kategorien Geschichte und Natur auf Gaming Odyssee nicht fehlen. Freuen können wir uns eine entspannte Garten-Simulation, in der auch Jahreszeiten eine Rolle spielen. Jetzt wirds gemütlich:
Wir schlüpfen in die Rolle von Bäuerin Agnès im französischen Port-Royal-des-Champs des Jahres 1643. Unsere Aufgabe ist es, einen verbotenen und verwilderten Garten der Äbtissin in dem Kloster anzulegen und zu pflegen. Dabei stoßen wir auf einige historische Personen, enthüllen eine geheimnisvolle Verschwörung, helfen der Gemeinde und finde die Liebe.
Bei den vorkommenden Pflanzen handelt es sich um real existierende, zu dem im Spiel reale Bedingungen eingeführt werden, bei denen etwa die Bodenbeschaffenheit, Feuchtigkeit und die Nähe zu anderen Pflanzen berücksichtigt werden. Beim Graben treffen wir zudem auf verschiedene historische Gegenstände, die von früheren Bewohnern vergessen oder gezielt vergraben wurden.
Port‑Royal‑des‑Champs war ein reales Zisterzienserinnenkloster in der Île‑de‑France, südwestlich von Versailles. Im 17. Jahrhundert war es ein Zentrum des Jansenismus, einer streng‑asketischen Reformbewegung innerhalb des Katholizismus, die sich streng an der Gnadenlehre des Kirchenvaters Augustinus orientiert. Geleitet wurde das Kloster von Äbtissin Angélique Arnauld (1591–1661), welche das Kloster tiefgreifend reformierte. Von ihr bekommen wir im Spiel den Schlüssel zu dem Garten und den Auftrag, ihn zu pflegen.
Während das Jahr 1643 mit dem Dreißigjährigen Krieg, dem Tod von König Ludwig XIII., der Thronbesteigung des 4‑jährigen Ludwig XIV. und der Regentschaft von Anna von Österreich anderswo als turbulent bezeichnet werden kann, bleibt es in Port‑Royal‑des‑Champs wegen seiner Abgelegenheit verhältnismäßig ruhig. Erst später kam es zu der Glaubensverfolgung von Port-Royal (1648 bis 1652), zu der Verurteilung der jansenistischen Lehre durch Papst Innozenz X. (1653) sowie harten Maßnahmen bis hin zur Räumung und Zerstörung des Klosters (1710).
Faktischer Regierungschef war Kardinal Mazarin als der wichtigste politische Berater von Anna von Österreich, der ein umfangreiches Spionage- und Informationsnetzes erschuf. Eine wichtige Rolle dabei spielten die Musketiere des Königs, die Mousquetaires du Roi, eine Elitetruppe der königlichen Garde als Leibgarde und militärische Spezialeinheit, auf die wir auch im Spiel treffen. Mazarin ließ religiöse Bewegungen wie den Jansenismus überwachen, also auch Port‑Royal‑des‑Champs. Die berühmten Drei Musketiere von Alexandre Dumas spielen übrigens ebenfalls im frühen 17. Jahrhundert, also in derselben Epoche.
Auch treffen wir im Spiel auf Solitaires, eine Gruppe von gebildeten, streng religiösen Männern, die sich ab den 1630er‑Jahren in kleinen Häusern oder Hütten in der Nähe des Klosters Port‑Royal‑des‑Champs niederließen und sich Askese und Demut auferlegten. Bekannte jansenistische Solitaires waren zum Beispiel Antoine Arnauld und Pierre Nicole, die nicht mit dem im absolutistischen Königreich Frankreich praktizierten Katholizismus einverstanden waren und Streifschriften publizierten.
Nachdem wir einen Blick auf den spannenden historischen Kontext geworfen haben, schauen wir uns noch die im Spiel anzutreffenden Pflanzen genauer an. Hier ist wichtig zu erwähnen, dass die in The Abbess Garden verwendete lateinische Taxonomie eigentlich erst mit dem Species Plantarum im Jahr 1753 systematisch auf diese Weise eingeteilt wurde, also über 100 Jahre später.
Folgende Pflanzen lassen sich bereits aus dem Trailer und der Spielbeschreibung entnehmen, zu denen ihr weiter unten Screenshots findet. Mit Klick auf die deutsche Bezeichnung kommt ihr zum Wikipedia-Eintrag für weitere Informationen und Fotos.
- Sumpf-Schwertlilie (Iris pseudacorus), im Spiel als ein Symbol für Könige, Glauben und Hoffnung vorgestellt, heute als giftige Pflanze bekannt
- Gewöhnliches Greiskraut (Senecio vulgaris), im Spiel als zur Regulierung der Menstruation vorgestellt, wird heute nicht mehr als Heilpflanze eingesetzt
- Echter Salbei (Salvia officinalis), im Spiel als wohlschmeckend und Heilpflanze für alles vorgestellt, wird auch heute als anerkannte Heilpflanze bei Halsschmerzen, Verdauungsproblemen und übermäßigem Schwitzen sowie als Gewürzpflanze verwendet
- Weinraute (Ruta graveolens), im Spiel als stinkend, Katzen und Schlangen fernhaltend und Bestandteil des „Vier-Diebe-Essigs“ vorgestellt, heute können wir den intensiven Geruch den ätherischen Ölen zuordnen, wobei eine abschreckende Wirkung auf Tiere fraglich bleibt
- Gemeine Akelei (Aquilegia vulgaris), im Spiel als mit Haken hinter jedem Blütenblatt und nicht essbar vorgestellt, heute klar als giftig einzuordnen, als „Haken“ sind die charakteristischen Sporne an den Blüten gemeint
- Geflecktes Lungenkraut (Pulmonaria officinalis), im Spiel als wie Lungen aussehende Blätter und heilend bei Atemwegserkrankungen und unregelmäßigen Herzschlag, wenn man sie auf die Brust legt, vorgestellt. Die damals angenommene Signaturenlehre, der man zufolge von dem Aussehen auf die Wirkung schließen kann, ist heute jedoch nicht mehr haltbar
- Ringelblume (Calendula officinalis), im Spiel als die Haut beruhigend und Wundheilung fördernd vorgestellt, was sich auch heute sagen lässt
- Sommer-Bohnenkraut (Satureja hortensis), im Spiel als Gewürz vorgestellt und gegen Übelkeit und Bauchschmerzen wirkend, auch heute noch wegen des pfeffrigem Aroma als Küchenkraut verwendet und krampflösende und verdauungsfördernde Wirkung sind ebenfalls korrekt
- Echter Baldrian (Valeriana officinalis), im Spiel als den Geist beruhigend und laut manchen Menschen verliebt machen vorgestellt, auch heute noch wegen der beruhigenden und schlaffördernden Wirkung der ätherischen Öle als Heilpflanze eingesetzt, die Liebeswirkung ist jedoch eher als Aberglaube einzustufen
- Borretsch (Borago officinalis) mit seinen charakteristischen sternförmigen blau‑violetten Blüten, im Spiel als Bienen und andere Insekten anziehend und Schnecken meidend vorgestellt, was sich bestätigen lässt, letzteres wegen der borstigen Behaarung
Quelle: Steam, Bilder: offizieller Trailer und Steam-Site
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