SCHWARZWALDSAGEN IN GEDICHTFORM – HEART OF THE FOREST LÄSST GRÜSSEN

Für Leseratten Märchen und Mythologie

Vor Kurzem ist Heart of the Forest von Trapped Predator erschienen, dem wir an dieser Stelle einen Spot in unserer Spotlight-Reihe widmeten. Da der interaktive Film von deutscher Folklore aus dem Schwarzwald inspiriert ist und die Handlung in der berühmten Waldregion Deutschlands spielt, haben wir uns zwei Erzählungen aus dem Schwarzwald herausgesucht, die uns in die entsprechende Stimmung bringen. Konkret gibt es hier das erste und dritte Gedicht der Zehn Romanzen vom Mummelsee im Schwarzwald aus dem 1846 erschienenen zweiten Band des Badischen Sagen-Buchs von August Schnezler.

Die Lilien

Im Mummelsee, im dunklen See,
Da blühn der Lilien viele,
Sie neigen sich, sie beugen sich,
Dem losen Wind zum Spiele;
Doch wenn die Nacht herniedersinkt,
Der volle Mond am Himmel blinkt,
Entsteigen sie dem Bade
Als Jungfern ans Gestade.

Es braußt der Wind, es saust das Rohr
Die Melodie zum Tanze;
Die Lilienmädchen schlingen sich
Als wie einem Kranze,
Und schweben leis umher im Kreis,
Gesichter weiß, Gewänder weiß,
Bis ihre bleichen Wangen
Mit zarter Röthe prangen.

Es braußt der Sturm, es saust das Rohr,
Es pfeift im Tannenwalde,
Die Wolken ziehn am Monde hin,
Die Schatten auf der Halde;
Und auf und ab, durchs nasse Gras,
Dreht sich der Reigen ohne Maaß,
Und immer lauter schwellen
Zum Ufer an die Wellen.

Da hebt ein Arm sich aus der Fluth,
Die Riesenfaust geballet.
Ein triefend Haupt dann schilfbekränzt,
Von langem Bart umwallet,
Und eine Donnerstimme schallt,
Daß im Gebirg es widerhallt:
„Zurück in eure Wogen,
Ihr Lilien ungezogen!“

Da stockt der Tanz, die Mädchen schrei’n
Und werden immer bläßer:
„Der Vater ruft! Puh! Morgenluft!
Zurück in das Gewässer!“
Die Nebel steigen aus dem Thal,
Es dämmert schon der Morgenstrahl,
Und Lilien schwanken wieder
Im Wasser auf und nieder.

Mummelsee’s Rache

Glatt ist der See, stumm liegt die Fluth,
So still als ob sie schliefe,
Der Abend ruht wie dunkles Blut
Rings auf der finstern Tiefe;
Die Binsen im Kreise nur leise
Flüstern verstohlener Weise:

„Wer schleicht dort aus dem Tannenwald mit scheuem Tritte her?
Was schleppt er in dem Sacke nach so mühsam und so schwer?“ –
„Das ist der rothe Diether, der Wilderer benannt,
Dem Förster eine Kugel hat er ins Herz gebrannt,
Jetzt kommt er, in die Tiefe den Leichnam zu versenken,
Doch unser alte Mummler läßt sich so was nicht schenken.

Der Alte hat gar leisen Schlaf, ihn stört sogar ein Stein,
Den man vielleicht aus Unbedacht ins Wasser wirft hinein;
Dann kocht es in der Tiefe, Gewitter steigen auf,
Und flieht nicht gleich der Wandrer mit blitzgeschwindem Lauf,
So muß er in den Fluthen als Opfer untergehen,
Kein Auge wird ihn jemals auf Erden wiedersehen!“

Da steht der Frevler an dem See, wirft seine Bürde ab
Und stößt hinab mit einem Fluch den Sack ins nasse Grab:
„Da, jage du nun Fische da drunten in dem See,
Jetzt kann ich ruhig pirschen im Walde Hirsch und Reh,
Kann mich nun ruhig wärmen an deines Holzes Gluthen,
Du brauchst ja doch kein Feuer da drunten in den Fluthen!“

Er sprichts und will zurück, doch hält ein Dorngestrüpp’ ihn an,
Und immer fester zerrt es ihn mit tausendfachem Zahn;
Da kocht es in der Tiefe, Gewitter steigen auf,
Dumpf rollt ob dem Gebirge der Donner seinen Lauf,
Der See steigt übers Ufer, es glühn des Himmels Flammen,
Und hoch schlägt über dem Mörder die schwarze Fluth zusammen. –

– Stumm liegt der See, als ob die Gluth
Der Rache wieder schliefe;
Glatt ist die Fluth, im Monde ruht
Die unermeßne Tiefe –
Die Binsen im Kreise nur leise
Flüstern verstohlener Weise.

Quelle: Badisches Sagen-Buch – Eine Sammlung der schönsten Sagen, Geschichten, Märchen und Legenden des Badischen Landes aus Schrifturkunden, dem Munde des Volkes und der Dichter. 2. Bände. Karlsruhe, 1846. Band 2, Von der Ortenau bis zum Mainthal (aus wikisource.org).

Foto: Besten dank an Leonhard Lenz für die Veröffentlichung des Fotos unter der Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication Lizenz.


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